25 Jun 2018

25 Jun 2018

Die wachen Nächte genialer Manager

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Kategorie: Karriere

Die wachen Nächte genialer Manager

Ungewöhnlich hoch, so belegen Statistiken, sei die Zahl der an Schlaflosigkeit leidenden Menschen. Gewöhnliche Zeitgenossen behelfen sich mit Schäfchen zählen oder Baldrian. Hochbegabte Manager dagegen, besonders häufig von Schlafstörungen geplagt, müssen sich da schon genialere Rezepte einfallen lassen.

Müde Menschen sind risikobereiter als ausgeschlafene. Das belegte kürzlich eine Studie der Universität Zürich. Vor allem Manager brauchen genügend Schlaf, um immer die richtigen Entscheidungen zu treffen. Sonst kann es teuer werden.

Wer wie ich täglich im diskreten Dialog mit Führungskräften steht, erfährt oft mehr über sie als nur über ihren Manageralltag. Nicht selten begegnen mir im Coaching jenseits von Alltagssorgen, Karriereplanung usw. ganz nebenbei sehr persönliche Bemerkungen. Seltsamerweise oft über Einschlafprobleme, Schlaflosigkeit, nächtliche Unruhe, häufiges Aufwachen. „Wir machen eigentlich alles nur noch im Dauerlauf”, klagen viele. Ihr Kopf sei voll von Projekten, ungelösten Fragen, Zeitdruck und noch nicht erreichten Zielen. Erfolgsdruck und Speed Management rauben den Spielmachern der Wirtschaft offenbar den Schlaf. „Was machen Sie dagegen?“, will ich wissen: Die Antworten sind so vielfältig wie die Persönlichkeiten, die mir gegenübersitzen. Jeder dieser genialen Köpfe hat sein eigenes Rezept. Irgendwann habe ich angefangen, sie zu sammeln:

Aus lauter Verzweiflung hatte sich z.B. ein erfolgreicher GM mit Zen Medizin beschäftigt. Dabei lernte er: „Wenn ich nachts wach liege mit dem Gedanken, ich sollte jetzt einschlafen, damit ich morgen die Präsentation vor dem Vorstand super hinkriege, kann ich garantiert nicht einschlafen. Wenn ich dagegen denke, okay, ich liege wach, morgen früh bin ich nicht ausgeschlafen – dann ist es eben so. Was soll bei der Präsentation schon schiefgehen. So bin ich entspannter und habe die Chance, doch noch einzuschlafen.“ Andere bekämpfen ihre Schlaflosigkeit, indem sie aus dem Bett steigen, ein bisschen herumwandern oder Qi-Gong-Übungen machen. Ein mittelständischer Unternehmer mit über tausend Mitarbeitern berichte mir mal, er werde regelrecht wütend während des Wachliegens. Sein Puls schlage höher und er verspüre einen ausgeprägten Bewegungsdrang. Dann gehe er in den Garten und stapele Kaminholz. Danach sei er so erschöpft, dass er einschlafen könne. Einer Marketingchefin geht es ähnlich. Erst versuchte sie es mit Fernsehen im Schlafzimmer, stellte aber schnell fest, dass Berichte über Katastrophen oder aufregende Krimis sie eher aufrütteln. Allzu oft nervte auch das Smartphone auf dem Nachttisch. Das ist sicher nicht bei allen Hochbegabten üblich, aber bei Kommunikationsgenies schon. Um den Kopf frei zu bekommen von Umsatzdruck, Werbekampagnen, Budgets etc. verlässt sie nun das Bett, poliert Gläser in der Küche, bügelt Blusen oder sortiert alte Kleider aus. „Alles meditative Übungen, die mich einschläfern“, so ihre Erkenntnis.

Der CEO eines Touristikkonzerns hatte irgendwann mal die nächtlichen TV Aufzeichnungen von endlosen Bahnfahrten als Einschlafhilfe entdeckt. „Und wenn das nichts nützt, schleiche ich mich ins Kinderzimmer meiner Vierjährigen und stehle heimlich ein einfaches Puzzle. Das hilft, den Kopf frei zu bekommen“. Der eingangs beschriebene Zen-GM verriet mir übrigens noch einen weiteren Trick gegen die Wachheit: Er bevorzugt das Anschauen indischer Schriftzeichen. Natürlich kann er kein Indisch. Aber allein das Betrachten des scheinbar Nichtssagenden bringt ihn zurück in Morpheus Arme.

Den Gipfel der Kuriosität lieferte ein schlafloser Chef Controller, der vor dem anstehenden Jahresabschluss nachts regelmäßig unter Strom stand. Sein Trick: „Gerade, weil ich nicht zur Eitelkeit neige, stelle ich mich vor den Badezimmerspiegel und schaue mir ins Gesicht – nicht mal eben so im Vorbeigehen, nein, richtig lange. Dabei zünde ich eine Kerze an. Das schummerige Licht und die Betrachtung meines eigenen Konterfeis empfinde ich als sehr ermüdend.“

Und der Autor? Zwei Methoden helfen mir zum Schlaf zurückzufinden: Ein nächtlicher Spaziergang durch unser spärlich beleuchtetes Provinznest – die Straßenlaternen strahlen hier kein grelles Neon, sondern schummeriges Gelblicht – oder die Lektüre einlullender Texte aus alten Literaturschinken des 19. Jahrhunderts mit einschläfernden Schnörkelsätzen und beschaulichen Landschaftsschilderungen.

Wenn Sie jetzt noch einen Rest von Wachheit spüren – oh, ich sehe, Sie schlafen schon. Hallo? Sie da! Na dann…. Glückliches Erwachen!