12 Jan 2016

12 Jan 2016

Von schwarzen und weißen Unternehmen

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Kategorie: Allgemein, Karriere

Von schwarzen und weißen Unternehmen

Viele Denk- und Handlungsweisen, die früher erfolgreich waren, behindern uns heute. Je genauer wir ordnen und „Korsette“ tragen, umso wahrscheinlicher wird das Durcheinander. Was muss in Zukunft anders laufen?

Um uns herum verändern sich die Dinge in rasantem Tempo. Was wir heute in der Arbeitswelt erleben, ist eine fundamentale Krise des Denkens. Führungskräfte brauchen daher in Zukunft zusätzliche Fähigkeiten, um ihrer Verantwortung optimal gerecht werden zu können. So verrückt es klingt – weniger Ordnungsliebe und viel mehr Chaosleidenschaft sind gefragt. Bei genauem Hinsehen stellt sich heraus: Ordnung ist nur das halbe Leben – Chaos das ganze. Ordnung ist nur der statistische Sonderfall im Chaos. Die Zukunft ist nicht vorhersehbar – eine schreckliche Nachricht für alle Controller und strategischen Planer. Je genauer sie planen, umso härter trifft sie der Zufall. Diese Einsicht ist gar nicht so neu. „Zufall ist das Pseudonym, das der liebe Gott wählt, wenn er inkognito bleiben will“, wusste schon Albert Schweitzer.

Wie müssen wir unser Denken und Handeln darauf einstellen?

 

Erstens: wir müssen das Chaos akzeptieren und nicht versuchen, es zu regulieren. Für die Arbeitswelt bedeutet das z.B.: weg von Einzel-Ich hin zum Team-Ich, weg von starren Hierarchien zu flexiblen Gruppenprozessen. Von der Selbstdarstellung zum Wir-Gefühl. In der Produktivität bringen Teamleistungen mehr als die Summe von Einzelleistungen. Wir müssen uns verabschieden vom Denken in Strukturen und stattdessen in Prozessen denken. Dabei reicht es aber nicht aus, einfach die Organisation zu verändern. Das käme dem Billardspieler gleich, der glaubt durch versetzen der Bande besser spielen zu können.

Zweitens: Die Führungskraft der Zukunft muss lernen, vom „entweder oder“ zum „sowohl als auch“ zu kommen. Nicht ihre Dominanz bringt den Erfolg, sondern ihre Toleranz. Nicht das Prinzip „Planung“, sondern das Prinzip „Versuch und Irrtum“. Das heißt: Hin zum Anstoßen von Lernprozessen, Neigungen und Talente der Mitarbeiter erkennen und sie entsprechend einsetzen. Zulassen von Selbstorganisation und Selbstkontrolle. Fördern von Kreativität und Innovationskraft. Erfolg werden die Manager haben, die ihren Mitstreitern erlauben, feste Standpunkte zu verlassen und gemeinsame Bewegungsfreiräume zu entdecken. Es geht in Zukunft um Führen, nicht um Managen. Managen bedeutet Steuern von Geschäftsabläufen. Führen heißt Steuern von Zusammenarbeit, Schaffen von Begeisterung und Bewegungsfreiräumen. Managen basiert hauptsächlich auf Fachkompetenz, Führen auf Kommunikationsfähigkeit und Sozialkompetenz.

Das klingt wie Schwarz-Weiß-Malerei? Einverstanden. In einem „schwarzen“ Unternehmen mit engen Strukturen und Bürokratie handeln die Mitarbeiter nach dem Motto: Alles für den Chef – aber nicht mehr als nötig. Im „weißen“ Betrieb herrscht der Gedanke: Alles für den Kunden, nichts ist uns unmöglich. Das „schwarze“ Unternehmen wird wie eine Maschine von oben gesteuert. Eine steile Pyramidenstruktur sorgt für Ruhe und Ordnung. Die Mitarbeiter wissen zwar alles – aber der Boss weiß alles besser. Ja-Sager sind gefragt. Es gibt genaue Dienstanweisungen, Stellenbeschreibungen, Richtlinien, Titel, Statussymbole. Fleißige Bürokraten haben alles im Griff, alles ist messbar und nachvollziehbar. Diese Technokraten schaden dem Unternehmen umso mehr, je fleißiger sie sind – und – glauben Sie mir, leider sind Technokraten in der Regel fleißige Leute. Der Mensch gilt hier noch als Kostenfaktor und ist daher stets das erste Opfer von Kostensenkungsprogrammen. Entscheidungen fallen meist einsam an der Spitze. Niemand erbittet den Rat der Mitarbeiter an der Basis. Informationen werden nicht mehr persönlich ausgetauscht, sondern nur via E-Mail und Intranet. Karriere macht, wer keine Fehler macht. Niemand trägt Verantwortung. Niemand traut sich, neue Wege zu ausprobieren. An der Spitze herrscht „Manager-Mikado.“: Wer sich zuerst bewegt, der scheidet aus.

Kommt Ihnen vieles davon bekannt vor? Dann machen Sie ihren Betrieb doch zu einem „weißen“ Unternehmen. Zugegeben – es wird nicht einfacher, aber produktiver. Begreifen Sie es als lebendigen Organismus. Hier wird statt in Strukturen in Abläufen gedacht. Alles, was vor Ort, auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten, gelöst werden kann, wird auch dort gelöst. Der Glaube an den Menschen dominiert. Er ist das größte schöpferische Vermögen Ihres Unternehmens. Sie sind nicht mehr Vorgesetzter, sondern Führungsverantwortlicher. Es gibt in Ihrem Hause keine Zuständigkeiten mehr, sondern Verantwortung für ein Ergebnis, keine Anweisungen, sondern Vereinbarungen, keine Abteilungen, die sich gegenseitig abgrenzen, sondern Teams, die sich gegenseitig die Bälle zuspielen – bei Bedarf auch mit wechselnden Mitspielern. Teammitglieder lernen voneinander, fordern sich gegenseitig, entwickeln Ideen gemeinsam weiter und wissen, wie sie das Teamergebnis und den Erfolg des Unternehmens am besten steigern können.

Das schöne ist: in Ihrem „weißen“ Unternehmen brauchen Ihre Mitarbeiter keine Gewerkschaft, keinen Betriebsrat, um innere Angelegenheiten zu regeln. Es wird ernst gemacht mit dem Spaß bei der Arbeit. Lebenslanges Lernen hält sie alle fit. Jeder einzelne wirkt mit bei Veränderungen. Schließlich wissen die Mitarbeiter am besten, wo der Schuh drückt. Es herrscht Informationstransparenz, Klarheit und Wahrheit. Jeder hat Einblick in die wesentlichen Kennzahlen. So entsteht Ehrlichkeit, Offenheit und Vertrauen. Das erspart dem Führungsteam das Herum-Eiern, wenn das Geschäft schlecht läuft. Niemand verbraucht Energie dafür, andere hinters Licht zu führen. Im Gegenteil – es gibt für jeden ein Recht auf Irrtum. Fehler werden sofort zugegeben. Niemand verschwendet wertvolle Ressourcen darauf, sie zu verschleiern. Alle Kraft wird darauf verwandt, Fehler im Vorfeld zu vermeiden. Das wirkt wie ein permanenter Kostensenkungsprozess, der zugleich motiviert und süchtig macht.

Stellen Sie in Ihrem „weißen“ Unternehmen die Organisationspyramide einfach auf den Kopf. Ganz oben stehen die wichtigsten Menschen für Ihr Unternehmen – das sind Ihre Kunden. Dann kommen die Mitarbeiter, die unmittelbar mit diesen Kunden Kontakt haben. Das sind die wichtigsten Mitarbeiter. Denn ihr Verhalten entscheidet darüber, ob der Kunde ja oder nein sagt. Jeder dieser Mitarbeiter steht aus Sicht des Abnehmers für das ganze Unternehmen. Deshalb müssen Sie diesen Leistungsträgern Ihre ganze Aufmerksamkeit schenken – von der Auswahl, Weiterbildung bis zur Führung.

Ihre Führungsaufgabe bedeutet in Zukunft Segeln, nicht Bahnfahren: Bahnfahrer bewegen sich nur auf der vorgegebenen Spur, auf freier Strecke oder wenn Hindernisse auftauchen, sind sie hilflos. Segler dagegen verstehen, die sie umgebenden, ständig wechselnden Kräfte zur Steuerung ihres Bootes zu nutzen. Ihren Leuten an der Front zugeordnet sind kundenorientierte Service-Teams. Sie als Führungsverantwortlicher sind dann der Grundstein, auf dem die Spitze dieser Pyramide steht. Als ich dieses Modell neulich in einem Workshop vorstellte, sagte einer spontan: „Wenn man die Spitze unten wegnähme, dann würde doch das Unternehmen viel sicherer stehen“. Alle fanden die Idee zunächst ganz pfiffig. Aber es kommt eben nicht darauf an, dass das Unternehmen fest und sicher steht. Viel wichtiger ist es, dass es in Bewegung ist – in ständiger von den Kräften des Marktes angetriebener Kreiselbewegung. Deshalb ist für mich der Kreisel das Sinnbild des „weißen“ Unternehmens. Er steht solange aufrecht, solange er in Bewegung ist.